Wir werden bewundert

 

Jeder Spaziergang ist ein Erlebnis! Und weil ich mich immer wahnsinnig darauf freue, habe ich mir auch gemerkt, wie Mama einen Spaziergang vorbereitet. Ich weiß stets genau, wann es soweit ist. Dann nämlich zieht Mama aus ihrer Handtasche das Handy und stellt es auf Empfang. Danach geht sie zum Haustelefon und stellt dieses auf Handy-Empfang um. Meistens zieht sie sich im Anschluss im Hausflur eine Jacke über, wechselt die Schuhe, greift nach dem Haustürschlüssel und öffnet dann endlich die Haustür.

Ich bin Mama immer behilflich, damit sie keine Station vergisst. D. h. während sie noch das Telefon umstellt, laufe ich bereits zur Garderobe und weise mit meinem Schnäuzchen nach oben, damit sie ihre Jacke nicht vergisst. Kaum hat sie die Jacke in der Hand, so renne ich auch schon zum Schuhregal und warte ungeduldig, bis sie endlich ihre Laufschuhe angezogen hat. Danach gibt es jedoch kein Halten mehr. Ob sie danach noch den Haustürschlüssel einsteckt oder nicht, ist mir in diesem Augenblick ziemlich egal, denn ich will jetzt nur noch eines: Ich will der Erste an der Haustür sein! Da Blacky stets denselben Wunsch hat, gibt es immer erst ein ziemliches Gerangel und viel Streit, bevor wir endlich nach draußen dürfen.

Der Streit wird auf dem Gehweg fortgesetzt, denn nun geht es darum, wer von uns beiden zuerst in den gegenüberliegenden Wald laufen darf. Dummerweise liegt zwischen unserem Haus und dem Wald eine Straße und Mama legt großen Wert darauf, dass wir erst dann die Straße überqueren, wenn sie dazu das Kommando gegeben hat. Eigentlich erwartet sie, dass wir artig auf dem Gehweg so lange stehen bleiben, bis sie das Kommando zum Überqueren der Straße gibt. Doch das ist meistens zu viel verlangt, denn vor lauter Vorfreude können wir nicht stillstehen. Wir hüpfen aufgeregt auf der Bordsteinkante hin und her und versuchen dabei stets, den anderen in eine schlechtere Ausgangsposition zu drängen.

Irgendwann sagt Mama dann: „Los!" und dann gibt es kein Halten mehr! Wir rennen über die Straße in den Wald, und jeder versucht dabei, der Erste zu sein.

Dieser Vorgang wird stets von lautem Gebell begleitet, so dass zufällig vorbeigehende Spaziergänger erstaunt stehen bleiben und zum Teil kopfschüttelnd, zum Teil lachend, hinter uns her schauen.

Ein junger Mann, der neulich vorbeikam, meinte mit Blick auf uns: "Cool, wie die gehorchen!" Wenn der wüsste, welche Last Mama bisweilen mit uns hat!

An diesem Tag rannten wir - wie immer - bis zu der Stelle, wo sich der Weg gabelt. Hier warteten wir geduldig auf Mama und ihre Entscheidung, in welche Richtung wir heute wohl gehen würden. Mama entschied sich für den linken Weg, der in das Naherholungsgebiet von Paderborn führt, wo man an sonnigen Tagen viele Fußgänger trifft. Und da wir heute schönes Wetter hatten, würden wir bestimmt viele Bekanntschaften machen!

Ich war voraus gelaufen. Und richtig, bereits nach einigen Metern kamen mir zwei nette Damen entgegen. Sie sahen mich so lieb an, dass ich sofort schwanzwedelnd auf sie zu lief. Sie beugten sich zu mir herunter, um mich zu streicheln. „Guck’ mal, wie niedlich!", hörte ich die eine zur anderen sagen. Beide tätschelten an mir herum, bis plötzlich Blacky hinter der Wegbiegung auftauchte und ebenfalls auf die beiden zulief. Ich hörte nur noch den verklärten Schrei einer der beiden Damen: „Süüüüüüß!"

Das reichte. Ich wusste Bescheid. Blacky hatte mich mal wieder ausgestochen. Jetzt stand nur noch er im Mittelpunkt, ich hingegen war für die Frauen nur noch Luft. Enttäuscht trottete ich von dannen, während Blacky die Bewunderung und die Streicheleinheiten der beiden sichtlich genoss und - auch nachdem Mama ihn gerufen hatte - keine Anstalten machte, sich loszureißen. Selbst als seine beiden Verehrerinnen ihren Spaziergang fortsetzen wollten, winkte er bittend mit seinen Vorderpfötchen, ihn doch weiter zu streicheln, was die Frauen dann lachend taten.

Und während wir noch auf Blacky warteten, versuchte Mama mich zu trösten. Sie streichelte mir übers Fell und flüsterte mir ins Ohr: „Robbylein, du bist für mich der schönste Hund auf der ganzen Welt!" Dankbar sah ich Mama an. Die lief jedoch in diesem Augenblick zu Blacky, klemmte ihn unter den rechten Arm und entschuldigte sich bei den beiden Damen für seine Aufdringlichkeit.

Wir setzten unseren Weg fort. Die vielen bewundernden Blicke der Menschen, die uns trafen, nahmen wir kaum wahr. Wichtiger und viel verlockender waren die unzähligen Düfte am Wegesrand, an denen Blacky und ich nicht etwa schnüffelten, sondern die wir regelrecht inhalierten...

Doch plötzlich gab es etwas noch Interessanteres als diese Wegesdüfte: eine Yorkie-Dame kam uns entgegen. Sofort liefen wir auf sie zu, um sie zu begrüßen und beschnüffeln. Und während wir drei uns miteinander beschäftigten, unterhielt sich Mama mit dem Ehepaar, dem die Yorkie-Hündin gehörte.

Die Besitzerin suchte einen Deckrüden für ihre Hündin, und weil sie uns beide „ganz bezaubernd" fand, kam das Ehepaar mit Mama ins Gespräch. Dann griff Mama nach mir, nahm mich auf den Arm und stellte mich dem Ehepaar vor. „Das ist Robby, er ist einmal ausgestellt worden und hat sofort den ersten Preis geholt. Ein lupenreiner Yorkie, ohne Fehl und Tadel!"
Das Ehepaar nickte bewundernd. Trotzdem richtete sich der Blick der Frau auf Blacky: „Ich habe eigentlich mehr an den anderen Hund gedacht..."

Enttäuscht schaute ich Mama an - schon wieder Blacky! Mama flüsterte mir ein „Macht nichts, Robby!" ins Ohr, setzte mich wieder auf den Boden und nahm jetzt Blacky auf den Arm. Das Ehepaar lächelte ihn begeistert an. „Das wäre genau der Richtige!" Mama wandte ein, dass Blacky nie ausgestellt wurde und vermutlich die Rassekriterien nicht in dem Maße erfüllte wie ich. Doch das war den beiden egal. Es musste Blacky sein!

Mama gab den beiden unsere Telefonnummer und dann setzten wir unseren Spaziergang fort.

Etwa zehn Minuten später kam uns eine ältere, äußerst korpulente einzelne Dame entgegen. Als sie uns sah, klatschte sie verzückt in die Hände. „Nein, wie niedlich! Und gleich zwei!" Ihr dicker Busen bebte vor Aufregung. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und blieb deshalb vor ihr stehen. Interessiert schaute ich zu ihr auf. Doch das war gar nicht nötig, denn die Dame beugte sich zu uns herunter, so dass ich ihre beiden wallenden Hügel, die sie mit sich herumtrug, noch besser betrachten konnte.

„Die hätten sogar in meiner Handtasche Platz, - vor allem der!" Sie wies auf Blacky, der nun mal der kleinere von uns beiden war. „Was ist der süüüüß!"

Angewidert drehte ich mich um. Wieder einmal stand Blacky im Vordergrund! Und eh’ der sich versah, hatte sie auch schon mit ihren mächtigen Armen nach ihm geschnappt. Sie säuselte: „Dich möchte ich haben!" und presste ihn an sich zwischen ihre gewaltigen Brüste.

Der arme Blacky wusste nicht, wie ihm geschah. Plötzlich war ich froh, der größere und nicht so begehrte Hund zu sein, sonst wäre ich in den Armen dieser schrecklichen Frau gelandet. Nicht auszudenken ...!

Sie drückte den armen Blacky noch fester an sich. „Du dürftest mich überall hin begleiten. Wäre das nicht schön?" - Blacky steckte hilflos zwischen den beiden wabbernden Hügeln. Von ihm war kaum noch etwas zu sehen. Ich sah nur seinen ängstlichen, flehenden Blick. Der arme Blacky! Das hatte er nun wirklich nicht verdient! - Ich sah fragend zu Mama. Wie konnte sie das zulassen?

Plötzlich hatte ich Angst um Blacky. Auch wenn wir uns in der letzten Zeit häufig gestritten hatten, das hatte Blacky nun wirklich nicht verdient! Doch Mama blieb relativ gelassen. Wie konnte sie nur!

Die Hügel bewegten sich auf und nieder - und Blacky musste jede ihrer Bewegungen mitmachen, bis sie ihn zwischen den Brüsten hervorholte, vor ihr Gesicht hob und ihm mit ihren wulstigen Lippen einen fetten Kuss aufs Haupt drückte. Dann steckte sie ihn wieder zwischen die vor Aufregung wallenden Hügel.

Blacky war starr vor Schreck und zu keiner Bewegung fähig. Seine Augen waren weit geöffnet. Flehend sah er zu Mama hinüber, die weiterhin gelassen blieb.

Ich hörte, wie die fremde Dame fragte: „Bist du denn auch ein Mädchen?" „Nein", sagte Mama, „Blacky ist ein Rüde!". -

„Iiiihhhh....", war die Antwort, „dann bist du ja unsauber!" Und sofort setzte das fette Etwas Blacky unsanft wieder auf den Erdboden. „Rüden heben überall ihr Bein. Nein, wenn du kein Mädchen bist, dann möchte ich dich nicht haben!"

Blacky sah sich verdutzt um. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, so schnell wieder seine Freiheit zu erlangen und mir fiel ein Stein vom Herzen! Blacky durfte bei uns bleiben. Aber nur deshalb, weil er ein Rüde war!

Wir setzten unseren Spaziergang fort. Jedoch legte ich von nun an keinen Wert mehr darauf, von irgend jemandem bewundert zu werden. Ich war auch nicht mehr eifersüchtig, wenn Blacky mehr als ich bewundert wurde. Denn ich hatte aus diesem Vorfall gelernt, dass es manchmal besser ist, nicht von allen Menschen begehrt zu werden.

Aber neugierig bin ich jetzt doch geworden. Ich muss Blacky unbedingt in einer stillen Stunde einmal fragen, was für ein Gefühl das war - so zwischen diesen beiden Hügeln...

Fenster schließen