|
Der Briefzusteller
|
|
Da gibt es einen Menschen, der jeden Tag (bis auf sonntags) mit einem
gelben Fahrrad an unserem Haus vorbei fährt. Täglich warten wir mit
größter Spannung auf sein Erscheinen. Wir hören ihn immer schon, wenn er
noch zwei Häuser entfernt ist und bellen dann schon um die Wette und sind
wahnsinnig aufgeregt! Mama sagt, das sei normal. Ein Hund belle nun einmal den Briefträger an. Das sei schon immer so gewesen und niemand weiß eigentlich warum, jedenfalls die Menschen wissen nicht warum. Manchmal zuckt Mama ratlos die Schultern und meint, dass das wohl so eine Art Naturgesetz sei. - So etwas sagen Menschen immer, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Wie wäre es, wenn sie uns einmal fragen würden? Aber auch ich käme in leichte Schwierigkeiten, wenn ich diesen Tatbestand erklären sollte, schließlich wurde mir von Blacky beigebracht, dass hund ordentlich bellen müsse, wenn diese Menschen erscheinen. - Deshalb habe ich vom ersten Tag an einfach stets kräftig mitgebellt, wenn so ein Mensch an unserer Haustür erschien. Es machte immer einen Riesenspaß. Und Erfolg hatten wir auch immer, denn der Kerl hatte stets soviel Angst vor uns, dass er immer schnell wieder verschwand. - So fühlten wir kleinen Kerlchen uns ganz groß. Und dieses Siegergefühl war nun einmal überwältigend! So freuen wir uns jeden Tag aufs Neue auf den Moment, wenn der Postzusteller kommt. Dann wachsen in uns kleinen Kerlchen Kräfte, die niemand einzuschätzen vermag! Wir sind dann die Größten und in der Lage, einen Eindringling - kaum ist er gekommen - wieder von unserem Grundstück zu vertreiben! Bei uns wechselten in der letzten Zeit häufiger die Briefzusteller (hatten wohl alle Angst vor uns?). In besonderer Erinnerung bleibt uns jedoch ein großer kräftiger junger Mann, der uns neben der Post auch manchmal Leckerchen durch den Briefschlitz schob. Wie? Glaubte er etwa, uns bestechen zu können? Der kannte uns noch nicht!!! Wenn dieser Mensch vor unserer Haustür auftauchte, dann bellten wir noch mehr als sonst! Mama meinte, wir seien undankbar! Doch die Vorfreude auf die Leckerchen und das Selbstwertgefühl, das stets wuchs, wenn man diesen Menschen erfolgreich vom Grundstück vertreiben konnte, waren nicht zu übertreffen! - Blackys Stimme überschlug sich stets, wenn er vor unserer Tür auftauchte! Eines Tages - es war an einem Samstag - tauchte der Kerl wieder vor unserer Haustür auf. Mama war zu Hause und bemerkte sofort, dass der junge Mann Schwierigkeiten hatte, einen größeren Briefumschlag durch den Briefschlitz zu schieben. Sie lief deshalb zur Haustür und öffnete sie nur einen kleinen Spalt breit, um den großen Umschlag entgegenzunehmen. - Doch sie hatte nicht mit Blacky gerechnet! Kaum war die Haustür geöffnet, da stürmte er auch schon wütend auf den Briefzusteller zu. - Der lief davon, sprang schnell auf sein Fahrrad und radelte - so schnell er konnte - davon, vorbei an den Nachbarhäusern, die wohl an diesem Tag keine Post mehr bekommen sollten... Blacky lief laut kläffend auf der Straße hinterher. Und Mama lief hinter Blacky her! Die Nachbarn hatten ihren Spaß: Voran radelte der Briefzusteller um sein Leben - gefolgt von Blacky, der blind dem Radfahrer folgte - verfolgt von Mama, die um Blackys Leben fürchtete, weil er auf der Straße entlang lief - und ich wiederum lief hinter Mama her, weil ich ohne Blacky und Mama nicht allein zu Hause bleiben wollte! Irgendwie schaffte es Mama schließlich, zuerst mich und dann Blacky von der Straße aufzulesen. - Der Briefbote hatte sich zwischenzeitlich aus dem Staub gemacht. Als wir wieder zu Hause waren, merkten wir, dass Mama sehr traurig wegen unseres Verhaltens war. Blacky kratzte ihr deshalb sanft mit einer Vorderpfote über ihren Arm und ich versuchte, ihre Hand zu lecken. Doch Mama blieb der festen Meinung, dass wir uns bei diesem Menschen entschuldigen müssten. - Blacky und ich schauten zur Seite und taten so, als hätten wir das nicht gehört. Wir und uns entschuldigen, das fehlte gerade noch! Doch wenn Mama sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann führt sie es auch aus! So auch dieses Mal. Zufällig war sie am Montagmorgen zu Hause, als wieder einmal der Postzusteller auftauchte. Sie nahm uns beide in den rechten Arm, in der linken Hand hielt sie ein flaches Päckchen. Sie trat vor die Haustür und überreichte dem jungen Mann das Päckchen und bat ihn um Entschuldigung. In der Zwischenzeit strampelten wir so sehr auf ihrem rechten Arm, dass sie uns beide auf den Treppenstufen vorm Haus absetzen musste. - Und plötzlich saßen wir zu viert auf den Stufen: Mama, wir und der junge Mann. Mama streichelte uns übers Fell und erklärte dem Postboten, dass wir beide eigentlich ganz liebe Schmusehunde seien - und daraufhin streichelte auch er uns. Verwirrt ließen wir uns das alles gefallen. Doch irgendwann hatte das Ganze ein Ende, denn der junge Mann musste mit seiner Arbeit weitermachen - und Mama ging mit uns zurück ins Haus. Am Nachmittag erzählte Mama einer Nachbarin während des Spazierganges von unseren Untaten und dass sie dem Postboten eine Pralinenschachtel geschenkt habe, damit er nicht mehr böse auf uns sei. „O je", meinte die Nachbarin, „da sollten Sie sich gleich mal ein Vorratslager an Pralinenschachteln zulegen - so oft wie bei uns die Briefzusteller wechseln!" Mama schaute entsetzt. Doch die Nachbarin sollte Recht behalten! Schon am nächsten Tag kläfften wir unseren alten Briefboten wieder an, als hätten wir zwischenzeitlich nie seine Bekanntschaft gemacht. - Auch die nette junge Dame, die uns einen Monat später die Post (und auch so manches Leckerchen) brachte, wurde nicht verschont! Wie Mama schon sagte, es steckt einfach in uns: Briefträger sind nun einmal unsere Feinde - und werden es auch ewig bleiben! - Aber mal ehrlich: Es macht unheimlich Spaß, diese Menschen anzukläffen!!! Drei Monate später ging Mama mit uns am Waldesrand in der Nähe unserer Wohnung spazieren. Sie hielt Blacky im Arm, weil sie sein Fell von Kletten befreien musste. Währenddessen radelte unser neuer Briefzusteller auf der ca. 50 Meter entfernten Straße daher. Ich überlegte nicht lange. Blacky war - weil er auf Mamas Arm festgehalten wurde - aus dem Verkehr gezogen. Damit lag die gesamte Verantwortung auf meinen Schultern. Und da Blacky mich gut angelernt hatte, war diesmal ich es, der laut bellend auf den radelnden Postboten zustürzte. Mama lief schreiend hinter mir her. Doch was interessierten mich in dieser Situation Mamas Rufe? Endlich hatte ich die Gelegenheit, zu zeigen was ich konnte. Und die durfte ich mir nicht entgehen lassen! Mit furchteinflößendem Gebell näherte ich mich meinem Feind. - Doch was war das? Mein Feind hatte gar keine Angst vor mir! Er fuhr nicht davon, wie der Typ, damals vor drei Monaten. Nein, er hielt einfach an und wartete auf mich. Was nun? Blacky hatte mich auf alles vorbereitet, aber hierauf nicht. Als ich noch fünf Meter von meinem „Feind" entfernt war, blieb ich verwirrt stehen und schaute hilflos zu Mama und Blacky. Wie reagiert ein kleiner Hund in einer solchen Situation? - Ich kniff den Schwanz ein und trat den Rückzug an... Als der Typ uns am nächsten Tag die Post brachte, habe ich - hinter der verschlossenen Haustür - noch wütender und lauter gebellt als je zuvor...
|