Malerarbeiten
Blacky hat einen Tick: Er liebt die Sauberkeit. Deshalb reibt er nach jeder Mahlzeit sein Schnäuzchen so lange an der Tapete, bis er glaubt, wieder sauber zu sein. Vorzugsweise erfolgt dieser Akt der Säuberung im Flur, aber auch in der Küche und in Mamas Arbeitszimmer. Daher ist es nicht verwunderlich, dass an mehreren Stellen in unserem Haus die Farbe der sonst weißen Tapete in etwa 20 cm Höhe eher grau ist. Eines Morgens betrachtete Mama wieder einmal kopfschüttelnd die Tapete im Flur und seufzte: „Ich kann es nicht mehr sehen, noch heute wird die Wand neu gestrichen und wenn ich schon einmal dabei bin, kann ich ja auch gleich das gesamte Treppenhaus renovieren.“ Das war wieder einmal maßlos übertrieben. Blacky hatte gerade mal den unteren Teil der Tapete beschmutzt und hätte sich Mama lediglich auf diese Stellen beschränkt, dann wären die Schmutzstellen spätestens nach einer Stunde im gesamten Haus überpinselt gewesen. Statt dessen wollte sie auch noch die fast 8 Meter hohen Wände im Treppenhaus streichen!
Und während Blacky es sich im Wohnzimmer auf dem Sofa gemütlich machte, hatte ich mir vorgenommen, gut auf Mama aufzupassen und sie keinen Augenblick aus den Augen zu lassen, denn das Arbeiten in schwindelerregender Höhe (wir haben eine Stiegentreppe) ist schließlich nicht ungefährlich. Mama fing auch gleich mit dem schwierigsten Teil der Arbeit an. Ich hielt den Atem an, denn Mama stand auf der Empore, beugte sich leicht über das Geländer und versuchte mit einem langen Stab in der Hand, an dessen vorderem Ende sie einen Pinsel festgeklebt hatte, an der gegenüber liegenden Wand bestimmte Stellen zu treffen.
Da sie sehr vorsichtig hantierte, dauerte schon allein das Bearbeiten der Kanten sehr lange, so dass ich mich schließlich gelangweilt umsah... Ich gesellte mich zu Mama auf die Empore. Der Farbtopf, der dort stand, schien sehr interessant zu sein. Aber ich näherte mich ihm nur vorsichtig. Niemals hätte ich meinen Kopf dort hinein gesteckt! Schließlich war ich kein Welpe mehr, sondern ein erfahrener Hund, der immer erst alles gründlich untersucht. Und der Geruch der Farbe sagte mir überhaupt nicht zu, so dass ich erst gar nicht in Versuchung kam, irgendwelche Dummheiten anzustellen. Ich lief ein paar Mal um den Farbtopf herum und beschloss dann, mich nebenan in Mamas Arbeitszimmer ein wenig aufs Ohr zu legen. Mama war sehr zufrieden, als sie sah, dass ich davonlief. „Gut so,“ meinte sie, „dann störst du mich wenigstens nicht!“ Plötzlich fiel ihr Blick auf den Fußboden und ein schrilles „Halt!“ ließ mich wie angewurzelt stehen bleiben. Was war geschehen? Da ich ständig um den Farbtopf herum gelaufen war und sich im Laufe der Zeit immer mehr weiße merkwürdige Flecken in der Nähe des Farbtopfes gebildet hatten, bin ich da natürlich durchgelaufen. Und dann habe ich die Farbe mit meinen Pfötchen schön auf den Fliesen der oberen Etage verteilt. Ich hatte schon ein unangenehm feuchtes Gefühl unter den Pfötchen und dachte, dass ich sie auf dem Teppich des Arbeitszimmers bestimmt schön abreiben könnte. Doch leider kam es nicht soweit. Mama hatte mich erwischt, noch bevor ich das Arbeitszimmer erreichte. Zum Ausgleich wischte sie mir dann aber mit einem feuchten Tuch über meine Pfötchen. So wurde ich die Farbe wieder los. Ich legte mich in den Eingang zum Arbeitszimmer, aber so, dass ich Mama immer noch im Blick behalten konnte. Sie war jetzt damit beschäftigt, am Ende des langen Stabes einen Farbroller zu befestigen. Da Mama nicht den passenden Stab zum vorhandenen Farbroller besaß, versuchte sie zu improvisieren. Im Griff des Farbrollers befand sich ein Hohlraum. Sie schob die Spitze des langen Stabes dort hinein. Leider war die Konstruktion etwas wacklig, doch Mama meinte, wenn sie vorsichtig hantieren würde, würde es schon so gehen. Und tatsächlich, der erste Versuch gelang auf Anhieb. Vorsichtig bewegte sie von der Empore aus den langen Stab mit der Rolle am vorderen Ende rauf und runter – immer an der Tapete entlang. Nachdem sie den Farbroller zum zweiten Mal in den Farbtopf eingetaucht hatte, versuchte sie, den Stab auch einmal waagerecht zu bewegen. – Doch was war das? Mehrere laute Geräusche und Mamas Aufschrei ließen mich aufschrecken. Der Farbroller hatte sich vom Stab gelöst und flog mit lautem Getöse durchs Treppenhaus, prallte dabei an mehreren Stellen gegen das Geländer, hinterließ dort, an den Wänden und auf den Stufen dicke Farbkleckse und landete schließlich unten im Keller. Mama eilte sofort in den Keller und da ich immer in Mamas Nähe bleiben wollte, lief ich natürlich hinterher. Doch ich kam nicht weit, denn ich war auf den Treppenstufen mal wieder in die Farbkleckse auf den ausgebreiteten Zeitungen getreten und diesmal war einer der Farbkleckse so klebrig, dass die Zeitung an meinem Pfötchen hängen blieb. Beim Sprung auf die nächste Stufe schleifte ich die Zeitung mit, blieb dann aber stehen und jammerte laut nach Mama. Die war noch nicht im Keller angekommen, da musste sie wieder umkehren und mich erst einmal aus meiner misslichen Lage befreien und mir erneut die Pfötchen abwischen. Danach wollte Mama mich nicht mehr in ihrer Nähe wissen und befahl mir, mich zu Blacky ins Wohnzimmer zu begeben. Aber das hätte sie mir gar nicht sagen müssen, ich hatte sowieso genug von den Malerarbeiten. Schließlich hatte ich keine Lust, von fliegenden Farbrollern erschlagen zu werden! Es wurde ein langweiliger Tag. Bis auf eine kleine Gassirunde zwischendurch war Mama bis in den späten Nachmittag mit den Renovierungsarbeiten beschäftigt. Zum Schluss wurde noch die Wand im Flur gestrichen, an der sich Blacky immer so gern seine Barthaare abwischt. Dann begannen die Reinigungsarbeiten und erst danach durften wir uns wieder frei im Haus bewegen. Am Abend hatte Mama nach getaner Arbeit mächtig Hunger. Sie kochte deshalb zum Abendessen Spaghetti mit einer leckeren Hackfleisch-Tomatensoße. Auch wir mögen dieses Gericht sehr gern, deshalb bekam jeder von uns eine Portion in seinen Napf. Nachdem Mama uns mit der Mahlzeit versorgt hatte, setzte sie sich erschöpft auf einen Stuhl am Esstisch und wollte jetzt endlich ihre eigene Portion Spaghetti genießen. Doch sie hatte nicht mit Blackys Heißhunger gerechnet. Kaum hatte sie mit ihrer Mahlzeit angefangen, da war Blacky mit seiner auch schon wieder fertig und rannte sofort zielstrebig in den Flur zur Tapete... Mama unterbrach sofort ihre Mahlzeit und lief schreiend mit einem feuchten Tuch in der Hand hinter ihm her. Doch Blacky war schneller. Das feuchte Tuch, das ursprünglich zum Reinigen von Blackys Bart gedacht war, musste Mama nun zum Abwischen der frisch gestrichenen Tapete benutzen... Ich wische mein Schnäuzchen nach den Mahlzeiten übrigens lieber am Teppich ab. Das ist hautschonender... |